„interkulturell“ oder „transkulturell“?

 

Beide Begriffe werden aktuell benutzt, wobei „interkulturell“ bis heute die gebräuchlichere Vokabel ist.

Wenn wir die unterschiedlichen Bedeutungen verstehen wollen, die den beiden Termini zugeschrieben werden, müssen wir uns kurz mit dem Kulturbegriff beschäftigen:

Es gibt heute eine große Bandbreite an Kulturkonzepten, die  von diversen wissenschaftlichen Disziplinen definiert wurden (Riegler 2003).  Die bedeutendste Unterscheidung ist jene zwischen primordialen und konstruktivistischen Kulturkonzepten.

Das primordiale Verständnis von Kultur, das heute als überholt gilt, geht davon aus, dass eine bestimmte ethnisch-kulturelle Herkunft quasi automatisch ein entsprechendes kulturelles Verhalten bedingt. Es liegt auf der Hand, dass solch eine Verständnisweise von Kultur Stereotypenbildung Vorschub leistet. Dem primordialen Verständnis kann der  Kulturbegriff von Herder (1744 - 1803) zugerechnet werden, der von einer klaren Abgrenzbarkeit zwischen unterschiedlichen Kulturen ausgeht.

Demgegenüber betont das konstruktivistische Kulturverständnis, dass Kultur durch menschliche Interaktion geschaffen, reproduziert und ständig verändert wird; Kulturen sind dynamisch und verhandelbar.

 

In den letzten Jahren ist am Begriff „interkulturell“ immer wieder kritisiert worden, dass er sich auf das obsolete primordiale Kulturverständnis gründet. Es wurde angeführt, dass das Präfix „inter“ darauf hinweise, dass von mindestens zwei klar abgrenzbaren Kulturen im herderschen Sinn ausgegangen werde, und das Trennende, die Unterschiede, zwischen den Kulturen betont würde (Welsch 1994).

 

Demgegenüber wird aktuell vertreten, dass der Begriff „transkulturell“ von einem konstruktivistischen Kulturverständnis ausgeht und mit dem Präfix „trans“ (hindurch, quer, jenseits) das Überschreiten konstruierter soziokultureller Grenzen unterstrichen wird (Vanderheiden / Mayer 2014: 31).

So passe der Begriff „transkulturell“ besser zu unserer heutigen globalisierten Einwanderungsgesellschaft, denn hier komme es verstärkt Überschneidungen, Vermischungen und Vernetzungen zwischen den Kulturen (Welsch 1994). In dieser Hinsicht weisen Vanderheiden / Mayer auch auf die „interne Transkulturalität“  von Personen hin, „(…) die sich in sozio-kulturellen Identitätsteilen spiegelt, wie z.B. Gender, Klasse, Beruf, und anderer sozio-kultureller Zugehörigkeiten (…).“ (2014:31-32).

 

In Theorie und Praxis jedoch überlappen sich heute die Begriffe „interkulturell“ und „transkulturell“.

Die meisten Ansätze, die heute den Terminus „interkulturell“ benutzen, gehen von einem konstruktivistischen, hybriden und dynamischen Kulturbegriff aus, sowie von durchlässigen kulturellen Grenzen und kulturinterner Heterogenität. Dies gilt auch für meinen eigenen Ansatz.

 

 

 

"interkulturelle Kompetenzen" oder "transkulturelle Kompetenzen"?

"Interkulturelle Kompetenzen" bezeichnen vor allem die Fähigkeit zu Selbstreflexion, Perspektivenwechsel, Empathie, Ambiguitätstoleranz und respektvollem Umgang mit anderen Lebenswelten.

"Transkulturelle Kompetenzen" hingegen betonen auf besondere Weise einen ressourcenorientierten Umgang mit Diversität sowie den Fokus auf Gemeinsamkeiten und Synergien (Vandenheiden / Mayer 2014: 32).

Beide Dimensionen ergänzen sich gegenseitig und finden in meinen Fortbildungen Beachtung. Daher spreche ich in meinen Angeboten von „inter- und transkulturelle Kompetenzen“.

 

 

Zitierte Literatur:

 

Riegler, Johanna (2003): „Aktuelle Debatten zum Kulturbegriff“. Working Papers der Kommission für Sozialanthropologie/Österreichische Akademie der Wissenschaften. Band 2

 

Vanderheiden, Elisabeth / Claude-Hélène Mayer (Hg.) (2014): Handbuch Interkulturelle Öffnung. Göttingen

 

Welsch, Wolfgang (1994): „Transkulturalität – die veränderte Verfassung heutiger Kulturen. Ein Diskurs mit Johann Gottfried Herder.“

http://via-regia-kulturstrasse.org/bibliothek/pdf/heft20/welsch_transkulti.pdf

 

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